Avaz Twist Tower: Sarajevos urbane Höhentour

142 Meter, 35 Stockwerke, null Aufzug — der härteste Treppenaufstieg der Stadt

Autor: Ivana Petrović

Warum ein Hochhaus zur Outdoor-Tour wird

Ich bin Biologin. Mein Revier sind die Buchenwälder des Sutjeska, Bärenspuren im Schnee, der Geruch von Perućica nach Regen. Hochhäuser sind eigentlich nicht mein Ding. Und trotzdem stehe ich seit ein paar Jahren regelmäßig vor dem Avaz Twist Tower in Sarajevo — nicht als Touristin, sondern als jemand, der diese Stadt liebt und weiß, dass Höhe immer Perspektive bedeutet.

Als ich 2023 nach einem langen Forschungsaufenthalt im Sutjeska für ein paar Tage nach Sarajevo fuhr, hat mich mein Kollege Damir fast zwangsweise mitgezogen. "Du kennst jeden Gipfel in BiH, aber den Twist Tower kennst du nicht von innen?" Er hatte recht. Also rein.

Was ich nicht erwartet hatte: Der Aufstieg über die Treppe ist eine echte körperliche Herausforderung — und eine, die in der Outdoor-Community von Sarajevo durchaus als urbanes Training gilt. Kein Scherz. Trailrunner nutzen das Gebäude im Winter als Trainingsersatz, wenn die Bjelašnica zugeschneit ist. Das sagt alles.

Was ist der Avaz Twist Tower überhaupt?

Der Avaz Twist Tower wurde 2008 fertiggestellt und ist das Hauptquartier der bosnischen Mediengruppe Avaz. Mit 142 Metern Höhe und 35 Stockwerken ist er das höchste Gebäude auf dem Balkan — zumindest war er das zum Zeitpunkt der Fertigstellung, und er hält diesen Titel in der Region bis heute. Die charakteristische Drehtorsion der Fassade, die dem Gebäude seinen Namen gibt, ist kein architektonisches Gimmick: Sie soll aerodynamische Lasten bei Wind reduzieren und ist tatsächlich funktional durchdacht.

Das Gebäude steht im modernen Westteil Sarajevos, im Stadtteil Marijin Dvor, unweit der sogenannten Sniper Alley — jener Straße, die im Krieg 1992–95 berüchtigt war. Heute fahren dort Trams und Autos, und der Twist Tower ragt aus diesem Stadtbild heraus wie ein Statement: Sarajevo baut wieder. Sarajevo wächst.

Auf Stockwerk 35 befindet sich die öffentlich zugängliche Aussichtsterrasse. Der Eintritt kostet ca. 5 KM (rund 2,50 €, Stand 2025 — bitte vor Ort prüfen). Für diesen Preis bekommst du eine der besten 360-Grad-Aussichten, die Sarajevo zu bieten hat.

Der Treppenaufstieg: Was dich erwartet

Offiziell gibt es Aufzüge. Aber wer zum Portal Bosnia Outdoors liest, der nimmt die Treppe. Und ich meine das ernst.

Die Treppenaufgänge im Avaz Twist Tower sind nicht für den öffentlichen Sportbetrieb ausgelegt — das muss ich ehrlich sagen. Es gibt keinen organisierten "Stairrun" wie etwa beim Empire State Building Run-Up in New York. Wer die Treppe nehmen will, sollte das im Eingangsbereich ansprechen und nachfragen, ob das zum jeweiligen Zeitpunkt möglich ist. Die Mitarbeiter sind in der Regel freundlich und lassen sportlich motivierte Besucher durch — aber es ist kein garantiertes Angebot, und die Bedingungen können sich ändern.

Was du körperlich erwartet: 35 Stockwerke, ca. 600–650 Stufen, je nach Zählung. Das entspricht einem Aufstieg von etwa 140 Höhenmetern auf engem Raum, ohne Pause-Aussichten, ohne frische Luft. Wer regelmäßig im Gebirge unterwegs ist, schafft das in 8–12 Minuten ohne Probleme. Für Untrainierte ist es deutlich anstrengender als es klingt — Treppenstufen belasten Knie und Hüfte anders als ein Bergpfad.

Parameter Wert
Gebäudehöhe 142 m
Stockwerke gesamt 35
Höhenmeter Treppe (ca.) ~140 m
Stufen (ca.) ~600–650
Eintritt Aussichtsplattform ca. 5 KM / ~2,50 € (vor Ort prüfen)
Öffnungszeiten Plattform täglich ca. 10–20 Uhr (vor Reise prüfen)
Adresse Terezija bb, Sarajevo (Marijin Dvor)
GPS 43.8564° N, 18.3989° E

Die Aussicht: Was du von oben siehst

Hier wird es gut. Wirklich gut.

Sarajevo liegt in einem Talkessel auf etwa 500 Metern Seehöhe, eingebettet zwischen Bergen, die auf über 1.000 Meter ansteigen. Von der Aussichtsplattform des Twist Towers siehst du das auf eine Art, die von keinem anderen Punkt in der Stadt möglich ist — weil du über dem Talkessel bist, nicht in ihm drin.

Im Osten erkennst du die Altstadt Baščaršija mit ihren Minaretten, dahinter die Hügel von Kovači und Alifakovac. Im Süden steigt das Gelände an Richtung Trebević — dort, wo die berühmte Bobbahn von 1984 in den Wäldern rostet und Streetart-Künstler arbeiten. Im Westen öffnet sich das Tal Richtung Ilidža, wo die Quelle der Bosna liegt. Und im Norden siehst du die Hochebene der Bjelašnica am Horizont.

Was mich jedes Mal trifft: Du siehst buchstäblich, wie kompakt diese Stadt ist. Wie nah die Natur an den Häusern liegt. Wie schnell Sarajevo aufhört und der Berg anfängt. Das ist keine romantische Übertreibung — das ist Geographie. Und von 142 Metern Höhe wird diese Geographie plötzlich lesbar.

"Sarajevo ist die einzige europäische Hauptstadt, aus der du innerhalb von 20 Minuten im Wald bist. Vom Twist Tower siehst du genau warum." — Das sage ich meinen Studierenden, wenn wir über Stadtökologie sprechen.

Urbanes Training: Der Twist Tower als Winteralternative

Ich habe das oben schon angedeutet, und ich will es hier ausführen — weil es für die Leser dieses Portals relevant ist.

Sarajevos Outdoor-Community, vor allem Trailrunner und Bergsportler, nutzen Hochhäuser im Winter als Trainingsersatz. Wenn Bjelašnica und Trebević unter Schnee liegen und die Wege vereist sind, bieten Treppenläufe in Gebäuden eine sinnvolle Alternative für Kraftausdauer-Training. Der Avaz Twist Tower ist dabei das prominenteste Ziel in der Stadt — nicht weil er dafür gebaut wurde, sondern weil er einfach das höchste verfügbare Objekt ist.

Das Training ist simpel: Aufwärmen unten, dann gleichmäßig die Treppe hoch ohne Pause, oben kurz verschnaufen, mit dem Aufzug runter, wiederholen. Drei bis fünf Wiederholungen entsprechen einem ernsthaften Beintraining. Wer das mit Rucksack macht, simuliert Bergaufstieg unter Gewicht.

Wichtig: Das ist kein offizielles Angebot des Gebäudes. Sprich vorher mit dem Empfang, sei höflich, und rechne damit, dass es an manchen Tagen oder zu bestimmten Zeiten nicht möglich ist. Spontan und ohne Anfrage einfach in den Treppenaufgang zu marschieren ist keine gute Idee.

Kombination mit anderen Sarajevo-Spots

Der Twist Tower liegt im Westen der Stadt, in Marijin Dvor — dem k.u.k.-geprägten Stadtteil mit breiten Boulevards und dem Nationaltheater. Von hier aus erreichst du in wenigen Minuten zu Fuß die Vječna Vatra (Ewige Flamme), das Hauptpostamt und den Übergang zur Baščaršija.

Ich empfehle folgende Kombination für einen Halbtag:

  1. Morgens früh: Treppenaufstieg Twist Tower (sportlich, wenig Betrieb)
  2. Danach: Frühstück im Caffe Bar Andar (Saraci 22, täglich ab 8 Uhr) — authentischer als die Touri-Cafés, ehemaliger Schuhmacherladen, bosnischer Kaffee mit Lokum
  3. Mittags: Altstadt Baščaršija, Gazi-Husrev-Beg-Moschee, Vijećnica
  4. Nachmittags: Seilbahn auf den Trebević — für den natürlichen Gegenpart zum urbanen Hochhaus

Der Kontrast zwischen dem Twist Tower und dem Trebević ist übrigens einer meiner liebsten Sarajevo-Momente: Vormittags auf Beton, nachmittags auf Waldboden. Beide Male auf 142 Metern — nur die Umgebung ist eine andere.

Praktische Infos auf einen Blick

Noch ein paar ehrliche Hinweise, die du in anderen Reiseführern nicht findest:

  • Fotografieren: Die Glasscheiben der Aussichtsplattform spiegeln stark. Früh morgens oder bei bedecktem Himmel bekommst du bessere Fotos als bei praller Mittagssonne.
  • Windig: Auf 142 Metern ist es auch im Sommer merklich kühler und windiger als unten in der Stadt. Eine leichte Jacke schadet nie.
  • Anreise: Mit der Tram (Linie 3 oder 1, Haltestelle Marindvor) direkt erreichbar. Zu Fuß aus der Altstadt ca. 15 Minuten.
  • Kombination mit Gelber Bastion: Wer die beste kostenlose Aussicht auf Sarajevo will, geht zur Žuta Tabija (Gelbe Bastion) — ein Festungsruin oberhalb der Altstadt mit freiem Eintritt. Der Twist Tower bietet dagegen die höhere, panoramischere Perspektive.
  • Rollstuhl/Kinderwagen: Aufzug vorhanden, Plattform zugänglich.

Mein Fazit nach vielen Sarajevo-Besuchen

Ich bin seit meiner Kindheit in Bosnien unterwegs, und Sarajevo kenne ich in vielen Stimmungen — im Schnee, im Sommer, nach dem Krieg, im Wiederaufbau. Der Avaz Twist Tower ist für mich kein Muss wie die Baščaršija, aber er ist ein ehrliches Sarajevo-Erlebnis: modern, ein bisschen roh, voller Energie.

Der Treppenaufstieg ist kein Ersatz für einen echten Bergtag. Aber er ist eine sinnvolle urbane Ergänzung — besonders wenn du in Sarajevo stranded bist, das Wetter auf den Bergen schlecht ist oder du einfach ein Training brauchst, das mehr ist als Joggen durch den Park. Und die Aussicht von oben rechtfertigt den Eintritt allemal.

Wer danach wirklich Höhe will: Die Bjelašnica ist 30 Minuten entfernt. Die Trailrunner dort oben lachen über 650 Stufen. Aber sie starten trotzdem manchmal hier.

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