Cincar bei Livno — auf 2.006 m zu den Wildpferden
Dinarische Kulisse, freie Pferde, kaum Touristen — der Cincar ist Bosniens unterschätzter Hausberg
Autor: Marc Leitner
Warum der Cincar auf jede BiH-Wanderliste gehört
Ich war im Mai 2024 zum dritten Mal in der Livno-Region — diesmal explizit wegen des Cincar. Meine ersten beiden Besuche galten dem Kruzi-Plateau und den Wildpferden, aber den Gipfel hatte ich immer nur von unten fotografiert. Das änderte sich an einem Dienstag, als ich um 6:30 Uhr den Wagen am Ortsrand von Livno parkte und die Route in Angriff nahm. Drei Stunden später stand ich auf 2.006 m, hatte keinen einzigen anderen Wanderer gesehen und eine Herde von gut dreißig Pferden in weniger als 200 Metern Entfernung beobachtet. So geht Bosnien.
Der Cincar ist der höchste Berg im Kanton 10 (Livno-Kanton) und überragt die Kleinstadt Livno im Westen Bosniens markant. Er gehört zum Dinarischen Gebirgssystem, ist aus Kalkstein aufgebaut und zeigt alle typischen Karstmerkmale: Dolinen, Schratten, trockene Hohlformen. Wasser versickert schnell — das ist wichtig für die Tourplanung, denn Quellen sind rar.
Tourprofil Cincar: Die wichtigsten Specs auf einen Blick
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Gipfelhöhe | 2.006 m ü. M. |
| Startpunkt | Livno Stadtrand / alternativ Kruzi-Plateau (~1.200 m) |
| Höhendifferenz ab Stadt | ca. 1.000 Hm |
| Höhendifferenz ab Plateau | ca. 750 Hm |
| Streckenlänge (Runde) | ca. 16 km ab Stadt / ca. 11 km ab Plateau |
| Gehzeit | 5–7 h ab Stadt, 4–5 h ab Plateau |
| Schwierigkeit | T3 (SAC-Skala) — weglos im Gipfelbereich, Trittsicherheit nötig |
| Beste Zeit | Mai–Oktober (Frühjahr für Wildpferde ideal) |
| Wasserversorgung | Keine verlässlichen Quellen ab Plateau — 2 Liter pro Person mitnehmen |
| GPS-Startpunkt (Plateau) | ca. 43.82° N, 16.97° O (vor Reise verifizieren) |
Wichtig: Die Markierungen auf dem Cincar sind sporadisch. Ich empfehle, eine GPX-Datei auf das Gerät zu laden und nicht auf Wegweiser zu vertrauen. Komoot und Wikiloc haben mehrere dokumentierte Tracks — die Qualität variiert, also mehrere vergleichen.
Der Aufstieg: Kalkstein, Karstwind und kein Schatten
Der klassische Aufstieg führt vom Kruzi-Plateau aus in Richtung Nordwest-Grat. Wer mit dem Auto bis auf etwa 1.200 m fahren kann (Schotterstraße, im Frühjahr teils aufgeweicht — Allrad oder hohe Bodenfreiheit empfohlen), spart sich rund 300 Hm und eine Stunde. Ich bin 2024 mit einem gemieteten Dacia Duster bis kurz vor das Plateau gefahren. Das geht, aber die letzten 500 m Schotterweg verlangen Respekt.
Ab dem Plateau beginnt das eigentliche Terrain: offene Hochfläche, kurzes Gras, Karrenfelder. Die Orientierung ist bei gutem Wetter einfach — der Gipfelblock ist von weitem sichtbar. Bei Nebel ändert sich das schlagartig. Der Kalkstein-Karst bietet keine natürlichen Leitlinien, und die Dolinen sehen im Nebel alle gleich aus. Das war meine erste Lektion auf diesem Berg: Cincar bei Schlechtwetter ist kein Anfängergelände.
Der Gipfelbereich selbst ist felsig, die letzten 150 Hm erfordern Trittsicherheit und gelegentlich die Hände (UIAA I, streckenweise). Kein Klettersteig, aber auch keine Promenade. Wanderstöcke sind sinnvoll, im Gipfelbereich aber eher hinderlich — ich stecke sie dann weg.
„Auf dem Cincar-Gipfel gibt es keinen Trigonometerpunkt, keinen Gipfelkasten, keine Bank. Nur Steine, Wind und — wenn du Glück hast — einen weiten Blick bis zur Adria."
Bei klarer Sicht reicht der Blick nach Südwesten bis zur kroatischen Küste. Das Buško Jezero (Buško-See, ~56 km², einer der größten Stauseen des Balkans) liegt direkt zu Füßen — ein türkis-blaues Rechteck in der Karstlandschaft, das von oben surreal wirkt.
Die Wildpferde am Kruzi-Plateau: Was du wirklich erwarten kannst
Rund 400 frei lebende Pferde streifen laut lokalen Angaben über das Kruzi-Plateau und die umliegenden Hochflächen bei Livno. Das klingt nach garantierter Sichtung — ist es aber nicht. Die Herden sind mobil, meiden im Hochsommer die offenen Flächen tagsüber und ziehen sich in Waldränder zurück.
Meine beste Erfahrung: Frühmorgens im Mai oder Juni, wenn die Pferde auf den frischen Grasflächen stehen. An meinem Aufstiegstag im Mai 2024 traf ich die erste Herde bereits auf etwa 1.350 m — ca. 30 Tiere, darunter Fohlen. Die Stuten waren aufmerksam, aber nicht fliehend. Ich blieb stehen, machte keine schnellen Bewegungen, und nach zwei Minuten grasten sie wieder. Das ist ein Moment, für den ich nach Bosnien fahre.
Praktische Hinweise zu den Wildpferden:
- Nicht füttern — die Pferde sind wild, kein Streichelzoo
- Abstand halten (mindestens 30–50 m), besonders bei Fohlen — Stuten können aggressiv werden
- Frühjahr (April–Juni) ist die beste Sichtungszeit: grüne Wiesen, aktive Herden
- Im August sind die Tiere oft in Waldnähe und schwer zu finden
- Drohnen bitte am Boden lassen — die Pferde reagieren stark auf Lärm
Anreise, Parken und Basisinfrastruktur in Livno
Livno liegt im Westen Bosniens, etwa 90 km westlich von Sarajevo (Fahrzeit ca. 1,5–2 h über die M16/M6). Die Stadt ist gut mit dem Auto erreichbar, ÖPNV-Verbindungen sind dünn — für diese Tour brauchst du ein eigenes Fahrzeug.
In Livno selbst gibt es alles, was du für einen Tagestrip oder eine Übernachtung brauchst:
- Tourismusbüro: König-Tomislav-Platz 17, Mo–Sa 8–15 Uhr — dort gibt es Kartenmaterial und lokale Kontakte
- Supermarkt: An der Umgehungsstraße West (für Proviant)
- Käserei Mjekara Livno: Livanjski Sir, der berühmteste Käse Bosniens, direkt ab Werk — Mo–Fr 8–16 Uhr, Sa 8–15 Uhr. Ein halber Laib als Gipfelproviant ist keine schlechte Idee.
- Übernachtung: Kleine Pensionen in und um Livno; Preise ca. 30–50 € pro Nacht (Stand 2025, vor Reise prüfen)
Zum Kruzi-Plateau fährst du von Livno aus in Richtung Nordost auf der Straße Richtung Glamoč — nach wenigen Kilometern zweigt eine Schotterstraße ab. Die genaue Abzweigung am besten vorab per Google Maps oder OsmAnd markieren, da es keine eindeutigen Schilder gibt.
Sicherheit und Minenrisiko: Ehrliche Einschätzung
Bosnien hat noch immer verseuchte Gebiete aus dem Krieg 1992–95. Die Region Livno und das Kruzi-Plateau gelten nach aktuellem Stand als weitgehend minengeräumt, aber ich sage das mit dem nötigen Vorbehalt: Verlasse niemals markierte Wege oder bekannte Trampelpfade in unbekanntem Gelände, ohne vorher die aktuellen BHMAC-Karten konsultiert zu haben. Die Website des Bosnisch-Herzegowinischen Anti-Minen-Zentrums (bhmac.org) bietet aktuelle Gefahrenkarten — Pflichtlektüre vor jeder Tour abseits etablierter Routen in BiH.
Auf dem Cincar selbst habe ich in drei Begehungen keinerlei Minenwarnschilder gesehen. Trotzdem gilt: Auf bekannten Pfaden bleiben, niemals querfeldein in Waldränder oder Gebüsch, das nicht begangen wirkt.
Kombination mit Livno: Was die Stadt noch bietet
Livno ist kein Touristenzentrum — das ist sein größter Vorteil. Die Altstadt liegt malerisch unter einer Felsenklippe, es gibt osmanische Moscheen und eine entspannte Kaffeehauskultur ohne einen einzigen Souvenirladen für Brücken-Kühlschrankmagneten.
Wer zwei Tage plant, kombiniert den Cincar-Aufstieg mit:
- Buško Jezero (20 km westlich): 56 km² Stausee, Kajak, Schwimmen, einsame Ufer — kaum bekannt außerhalb BiHs
- Livanjski Sir Verkostung bei Mjekara Livno: Der Käse ist tatsächlich außergewöhnlich — halbfest, würzig, mit einer leichten Schärfe. Ich kaufe immer einen ganzen Laib mit.
- Wildpferde-Abendtour aufs Plateau: Separat vom Gipfelaufstieg, nur zur Pferde-Beobachtung — entspannter, ohne Gipfeldruck
Mein Fazit nach drei Cincar-Begehungen
Der Cincar ist kein spektakulärer Alpengipfel. Er hat keine Hütte, keine Gondel, keinen Gipfelkasten. Was er hat: echte Wildnis, freie Pferde, einen Blick bis zur Adria und eine Stille, die du auf Bjelašnica oder Jahorina an Wochenenden nicht mehr findest. Das Gelände ist anspruchsvoller als es auf den ersten Blick wirkt — der weglose Gipfelbereich und die fehlenden Wasserquellen verlangen Vorbereitung.
Ich habe in neun Bosnien-Reisen über 800 km Trails dokumentiert. Der Cincar gehört zu den Touren, die ich ohne Zögern weiterempfehle — aber nur an Leute, die mit Karte, GPS und ausreichend Wasser unterwegs sind. Wer das mitbringt, bekommt einen der ehrlichsten Berge des Landes.
— Marc Leitner, Innsbruck. Letzte Begehung Mai 2024.